Post on 27 Juni 2008

„Mer klevve am Levve“

Von ULRIKE WEINERT, 27.07.08

Hürth - Wie lebendig und bereichernd die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben sein kann, bewies der Festakt zum zehnjährigen Bestehen von Hospiz Hürth. Der evangelische Gemeindesaal am Villering war bis in den Vorraum überfüllt.

HÜRTH. Wie lebendig und bereichernd die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben sein kann, bewies der Festakt zum zehnjährigen Bestehen von Hospiz Hürth. Der evangelische Gemeindesaal am Villering war bis in den Vorraum überfüllt.

Besuchern bot sich gleich beim Betreten ein sinnliches Erlebnis: Jeder musste über eine Folie mit dem kölschen Spruch „Mer klevve am Levve“ laufen und bekam dabei das leichte Festkleben der Füße auf der Matte zu spüren.

Bereits auf dem Weg begrüßten Tafeln mit halbierten Fotos und Gedanken von bekannten und weniger bekannten Hürthern die Gäste. Wie sie sterben möchten, hatte der Hospizverein gefragt. „Mit dem Gefühl, mein Leben gut gelebt zu haben“, antwortete die Ärztin Barbara Kerz. Alt sterben und dabei auf ein erfülltes Leben zurückblicken, möchte die Schülerin Felicitas Korsch. Der Schriftsteller Carsten Sebastian Henn hat gereimt, dass Sterben wohl am schönsten im Winter ist, wenn die Welt schlafen geht.

Nach heiter-besinnlichen Betrachtungen vom Hospiz-Vorsitzenden Pfarrer Dieter Steves, der ein Bild von einem roten Apfel an einem verdorrten Ast zeigte, von Bürgermeister Walther Boecker sowie dem heutigen Caritas-Direktor und früheren Hürther Stadtdechanten Franz Decker teilten vier der 33 ehrenamtlichen Begleiter von schwer kranken und sterbenden Menschen ihre Erfahrungen mit den Zuhörern.

„Man meint zuerst, es ist eine Belastung, aber es ist ein Beschenktwerden“, sagte Eveline Dächer. „Man muss sich auf die Situation einlassen, darf sich aber nicht darin verlieren“, beantwortete Joachim Buchwald die Frage nach Grenzen. „Nimmt der sterbende Mensch uns an und kommen wir mit ihm zurecht?“, sind Fragen, die Kurt Schürmann bewegen. „Hinschauen, sich zurücknehmen und offen über das Sterben reden“, benennt Elsbeth Welter die Stärken, die sie aus ihrem Ehrenamt gewonnen hat.

Nach dem Gespräch, das Anka Zink leitete, gab die auch aus dem Fernsehen bekannte Kabarettistin Kostproben ihres aktuellen Programms „Wellness für alle“ und trug damit das Glanzlicht zum Festakt bei. Das Publikum lachte Tränen, besonders über die „Angebote“ einer den Zeitgeist des allumfassend Machbaren bedienenden Versicherung namens „Jena Jenseitige“, deren Rundum-Sorglos-Paket Rechtsschutz gegen das Jüngste Gericht einschließt.

Der Frauenchor Hürth und der Organist Torsten Fabrizi umrahmten mit musikalischen Darbietungen diesen ungewöhnlichen, sehr gelungenen Festakt.