Post on 29 August 2013

Hospizarbeit in Hürth:

Pfarrer i.R. Dieter Steves im Gespräch mit Anja Kurth, Koordinatorin im Hospiz Hürth e.V. 

Dieter Steves Hospiz HuerthDieter Steves: Was sind derzeit die Hauptziele Ihrer Arbeit?

Anja Kurth: Ich möchte den Menschen, die sich an uns wenden, eine gute Beratung anbieten können und eine Unterstützung für die Familien zuhause organisieren, um deren Situation zu entlasten und erträglich zu gestalten. Ganz persönlich möchte ich zufrieden nach Hause gehen können und das Gefühl haben, eine sinnvolle Arbeit zu tun. Besonders wichtig ist mir der persönliche Kontakt mit den Menschen.

DS: Wann erleben Sie bei Ihrer Arbeit Freude?

AK: Ganz häufig. Wenn ich merke, dass die Menschen etwas entspannter mit ihrer Situation umgehen können. Ich erlebe Freude, wenn die Familien Hilfe annehmen können und unsere Einsätze als Entlastung empfinden – das ist ein ganz tolles Gefühl.

 

DS: Und wie ist das, wenn Sie persönlich manchmal an Grenzen stoßen?

AK: Ich habe Menschen um mich, mit denen ich darüber sprechen kann, wenn mir Begleitungen zu nahe gehen und ich davon persönlich sehr berührt bin – auch von professioneller Seite. Es gibt eben Begleitungen, die nehme ich nicht nur gedanklich mit; viele Telefonanrufe erreichen mich auch zu Hause. Doch insgesamt hat meine Familie viel Verständnis dafür und trägt es mit.

DS: Und was können Hospizdienste konkret anbieten?

AK: Da sind anfänglich oft ganz niederschwellige Angebote möglich, wenn es um eine Abwesenheitsvertretung der Angehörigen geht. Das sind dann mal zwei Stunden, in denen der Angehörige einkaufen gehen und guten Gewissens das Haus verlassen kann. Er weiß, dass sein kranker Angehöriger dann gut versorgt ist. In diesen Zeiten der Begleitung entstehen häufig persönliche Gespräche auf allen möglichen Ebenen. Manchmal können die Ehrenamtlichen toll vermitteln zwischen den unterschiedlichen Gesprächsebenen und -partnern der Familien, beispielsweise wenn Einer dem Andern gerne etwas sagen möchte, aber nicht genau weiß, wie dieses Tabuthema Sterben im Raum sein darf und wie darüber gesprochen werden kann. Im Vordergrund steht immer die psychosoziale Begleitung. Oft ergeben sich auch kleine Wunscherfüllungen…

DS: Zum Beispiel?

AK: Mir fällt eine junge Frau ein, Mitte 50, deren Begleitung vor kurzem zu Ende gegangen ist. Bei ihr waren zwei Ehrenamtliche über ein Jahr im Einsatz. Nicht nur, dass die verbleibende Lebenszeit wirklich mit Leben gefüllt wurde, es entstand auch eine sehr intensive Verbindung. Mit dieser Frau, die karnevalsbegeistert war, ist eine Ehrenamtliche beispielsweise dieses Jahr noch mal im Zug mitgegangen, obwohl sie schon im Rollstuhl saß. Ihr Strahlen auf den Fotos wird immer eine schöne Erinnerung für die Begleiter bleiben. Und dann die Frau, die sagte, ihr Mann würde sich zwar so bemühen zu kochen, aber sie würde doch so gerne noch mal Spitzkohl essen. Da hat dann eine Begleiterin mit dem Mann zusammen Spitzkohl gekocht…

DS: Die Ehrenamtlichen sind ja die Basis und der Schatz von „Hospiz Hürth“, und die sollen ja auch gefördert werden. Wie geschieht das?

AK: Wir haben ein Fortbildungskonzept, das eine Grundbefähigung ermöglicht, und darüber hinaus versuchen wir, immer interessante Themen zur Weiterbildung und persönlichen Bereicherung anzubieten. Der regelmäßige Austausch untereinander ist auch sehr wichtig und hilfreich.

Anja Kurth Hospiz Huerth

DS: Welche Menschen interessieren sich für die Hospizarbeit?

AK: Meist sind es Menschen, die persönliche Erfahrungen mit Sterben und Tod gemacht haben und sagen, ich habe das gut verarbeitet und ich weiß jetzt, wie gut und hilfreich das ist. Eine Motivation kann auch sein, etwas Sinnvolles zu tun, etwas weiter zu geben, sich mit Menschen zu umgeben, die das Tabuthema Tod ins Leben holen.

DS: Manche Ärzte empfinden den Tod eines Patienten ja immer noch als eine persönliche Niederlage – gibt es solche Gefühle bei Ihnen auch?

AK: Dann wäre ich hier falsch! Sterben und Tod sehe ich natürlich nicht als Niederlage. Ein Versäumnis empfinde ich eher, wenn ich spüre, dass sich jemand noch einmal aussprechen möchte und er bekommt dazu keine Gelegenheit.

DS: Manche Menschen haben immer noch Scheu, sich ans Hospiz zu wenden…

AK: Ja, das erleben wir leider sehr oft. „Sie können gerne kommen, aber sagen Sie bloß nicht, dass Sie vom Hospiz kommen!“ Das habe ich nicht nur einmal gehört. Der Begriff „Hospiz“ nimmt Hoffnung und vermittelt einfach die Endgültigkeit. Und diese Hoffnung auf ein Wunder, ein Überleben des Todkranken, die möchten manche Angehörige nicht aufgeben. Das ist Selbstschutz. Ich wünsche mir, dass diese Menschen uns nicht als Todbringer sehen. Es stirbt schließlich keiner, weil wir kommen, sondern wir kommen, weil jemand stirbt.

DS: Viele denken beim Wort „Hospiz“ immer noch zuerst an das Haus, in das jemand zum Sterben umzieht. Wann ist etwas Ambulantes dran, wann etwas Stationäres?

AK: Ich entscheide das meistens im Gespräch mit den Angehörigen bei meinem ersten Besuch, indem ich kläre, welche Familienmitglieder es gibt, wer sich wie einsetzen kann und möchte, was zu Hause medizinisch und pflegerisch geht und ob jemand überlastet ist, wenn der Sterbende zu Hause bleibt.

DS: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Hospizarbeit vor?

AK: Schön wäre natürlich, wenn der Hospizgedanke über die Nachbarschaftshilfe aufgenommen werden könnte. Es gibt immer bessere Möglichkeiten, Sterbende pflegerisch und medizinisch gut zu Hause zu versorgen und auf ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Ich rechne damit, dass es mehr Bedarf geben wird, glaube aber nicht, dass wir das so hinkriegen. Der Unterschied zwischen Nachbarschaftshilfe und Hospizhilfe liegt vor allem darin, dass die Hospizler noch mal eine andere Haltung, einen geschulteren Blick mitbringen als das ein Nachbar üblicherweise tut. Hospizler haben häufig eine besondere Sensibilität, sie sind geübt, die Leute nicht mit den eigenen Ideen und Gedanken zu überfrachten. Sie nehmen sich selbst zurück und sagen: „Ich bin hier für das da, was jetzt Ihr Bedürfnis ist.“

DS: Haben Sie auch Wünsche an die Leser von „evangelisch in Hürth“?

AK: Ja, dass die Menschen nicht zurückschrecken bei dem Thema „Hospiz“, dass sie Kontakt aufnehmen und sich einfach über unsere Möglichkeiten der Unterstützung informieren. Mein Wunsch wäre es auch, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass Hospizarbeit immer traurig und nur anstrengend ist. Sie kann sehr freudvoll und bereichernd sein!

DS: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin ganz viel Schwung und auch Freude bei der Arbeit!

Dieter Steves / 20.08.2013