Filmabend im "Berli" in Hürth-Berrenrath

   

Film:

Termin:

Ort:

Halt auf freier Strecke

09. Oktober 2012 um 20:00 Uhr

50354 Hürth-Berrenrath, Wendelinusstraße 45-49, Berli-Theater

 
 
Inhalt: Der 40-jährige Frank hat einen Gehirntumor und nur noch wenige Monate zu leben, wie man ihm im Krankenhaus lapidar mitteilt. Er will die Zeit, die ihm bleibt, bei Frau und Kindern zu Hause verbringen, im erst kürzlich gebauten Häuschen am Stadtrand - eine emotionale Herausforderung für die ganze Familie. Seine Frau Simone kommt bei der Pflege an die Grenzen ihrer Kraft. Der achtjährige Sohn kümmert sich liebevoll um den Papa, der langsam die Beherrschung über seine körperliche Funktionen und auch das Gedächtnis verliert. Die pubertierende Tochter flüchtet sich in den Sport.
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Kritik:

Ergreifendes Familiendrama um einen Mann, der wegen eines Gehirntumors nur noch wenige Monate zu leben hat.

Andreas Dresen erzählt echte Geschichten, Geschichten aus dem Leben. Und er scheut auch nicht vor Tabu-Themen zurück wie "Wolke 9" über die körperliche Liebe zwischen alten Menschen, der 2008 im Certain Regard lief, wie auch sein neuer Film, dem man einen Platz im Wettbewerb gegönnt hätte. Diesmal packt er ein Sujet an, um das die meisten Regisseure einen Riesenbogen machen, das langsame Sterben, das quälende Hintreiben auf den Tod. Und zwar in der akribischen Beobachtung eines Mannes mit Diagnose Gehirntumor. Mitten in der Lebensfahrt kommt es zum abrupten "Halt auf freier Strecke". Im erst kürzlich gebauten Häuschen am Stadtrand verbringt der erst 40Jährige im Kreise seiner Familie die Zeit, die bleibt. Aber dennoch: jeder stirbt für sich allein. Seine Frau (Steffi Kühnert) geht an die Grenzen ihrer Kraft, der achtjährige Sohn kümmert sich liebevoll um den Papa, die pubertierende Tochter macht auf cool. Dresen lotet die ganze Gefühlspalette aus, von der Wut auf das ungerechte Schicksal, die Angst vor dem Unausweichlichen, die Trauer um nicht verwirklichte Sehnsüchte bis hin zur Akzeptanz des baldigen Hinscheidens. Die Szenen sind wie bei Mike Leigh improvisiert und gehen unter die Haut, Tränen kullerten auch ohne Leinwand-Pathos bei hartgesottenen Kritikern. Milan Peschel gibt dem Menschen im Angesicht des Todes ein Gesicht, ein Geschundener, der langsam die Kontrolle über den Körper verliert, dessen Geist ihm den Dienst verweigert (als Hilfsmittel kleben die Familienmitglieder Zettel an Schränke und Schubladen und manchmal auch Zettel mit ihrem Namen auf die Stirn). Trotz aller verzweifelten Momente lässt Dresen seinem Protagonisten die Würde, man bemitleidet ihn nicht, sondern leidet mit ihm auf der Via Dolorosa. Immer wieder sorgt der Regisseur für Brüche, wenn das Elend zu stark wird, erlaubt er dem Zuschauer einen Moment des Durchatmens, um ihn gleich darauf wieder in die erbarmungslose Realität hinein zu katapultieren. Manchmal spielt er mit Fantasie-Elementen, so nimmt der Tumor menschliche Gestalt an (wie in Bertrand Bliers "Le Bruit des Glacons"), im Radio laufen Bulletins über den Zustand des Todgeweihten. Fast erschreckend wie der Arzt dem Patienten die Diagnose mitteilt, ein authentischer Arzt aus dem Krankenhaus, der wöchentlich zwei - bis dreimal das "Todesurteil" verkündet. Da ist kein Platz für beruhigende Worte und wenn mitten im Gespräch das Telefon klingelt und der Doktor sich einem anderen Thema zuwendet, gehört das auch zum echten Klinikalltag. Mit außergewöhnlich emotionaler Intensität stört Andreas Dresen unsere Verdrängungsmechanismen, konfrontiert uns mit der Endlichkeit unseres Seins. Er führt dahin, wo es weh tut. mk.